„Wie verletzlich wir sind“

Politischer Fragebogen DIE ZEIT
Berlin, 20. Juli 2020



1. Welches Tier ist das politischste?
Der Blindenführhund meiner Tochter, Giacomo, ein Königspudel. Er weiß, was Verantwortung bedeutet, lässt sich nicht provozieren, ohne ein Duckmäuser zu sein. Er führt als Diener. Wäre das nicht auch ein Maßstab für gute Politik?
2. Welcher politische Moment hat Sie geprägt – außer dem Kniefall von Willy Brandt?
Ein ganz persönlicher Moment: Ein Gespräch mit dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg nach der verlorenen Bundestagswahl 1980, Spitzenkandidat war Franz Josef Strauß. Mich beeindruckten Stoltenbergs schonungslose Wahlanalyse und sein langfristiges Denken über qualitatives Wachstum – heute nennt man das „Nachhaltigkeit“.
3. Was ist Ihre erste Erinnerung an Politik?
Die Auseinandersetzungen meiner Mutter mit dem Parteifunktionär der SED in Markkleeberg-Zöbigker bei Leipzig, die Flucht nach West-Berlin Ostern 1953 und das Leben in Flüchtlingslagern in Weinsberg, Backnang und Ludwigsburg bis Herbst 1957. Politik erlebte ich in dieser Zeit vor allem im Spiegelbild der Angst und der Uninformiertheit meiner Eltern.
Worum ging es in der Auseinandersetzung mit dem SED-Funktionär?
Meine Eltern hatten eine selbstständige „Neubauernstelle“ – und meine Mutter lehnte es kategorisch ab, in eine LPG gezwungen zu werden. Vermutlich hat dem SED-Funktionär auch nicht gefallen, dass sie mir aus den Halstüchern der Jungen Pioniere Badehosen nähte.
4. Wann und warum haben Sie wegen Politik geweint?
Im Jahr 2008 habe ich als Bundespräsident das Rehabilitationszentrum für ehemalige Kindersoldaten in Gulu in Uganda besucht und dort mit einem vielleicht 13- oder 14-jährigen Mädchen gesprochen, das Unbeschreibliches erlebt hatte. Ich fragte das Mädchen, was es sich jetzt wünsche. Stockend, aber klar sagte es: „Ich will in die Schule gehen“. Da kamen mir die Tränen. Ich spürte, dass sich dieses Mädchen nicht aufgeben wollte. Aber ich war zugleich bedrückt, weil ich wusste: Ihre Hoffnungen hängen auch von wirksamer Unterstützung von außen ab. Waren wir damals – und sind wir heute – dazu bereit?
5. Haben Sie eine Überzeugung, die sich mit den gesellschaftlichen Konventionen nicht verträgt?
Ich helfe meiner Frau in den Mantel. Und freue mich, dass sie immer noch meine Hemden bügelt.
6. Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, mächtig zu sein?
Als ich in der Grundschule in Zöbigker einen neuen Mitschüler, der einen Kopf größer war als ich, auf dem Pausenhof im Ringkampf bezwang und mich die Klassenkameradinnen dafür bewunderten. Das blieb so aber eine einmalige Erfahrung. Das Gefühl, mächtig zu sein, bestimmte später nie mein Handeln.
7. Und wann haben Sie sich besonders ohnmächtig gefühlt?
Als die Erblindung unserer Tochter zur Gewissheit wurde. Wie sie selbst daraus eine Kraftquelle gemacht hat, das beeindruckt mich bis heute.
8. Wenn die Welt in einem Jahr untergeht – was wäre bis dahin Ihre Aufgabe? Sie dürfen nur keinen Apfelbaum pflanzen.
Die Welt geht in einem Jahr nicht unter. Und die Menschheitsgeschichte bis heute hat gezeigt, dass sich mit Kooperation auch ganz große Probleme lösen lassen. Die Fähigkeit zur Zusammenarbeit muss sich in den Umbrüchen dieses Jahrhunderts ganz neu beweisen. Im Übrigen halte ich es für meine Aufgabe, meine Frau glücklich zu machen, bis zum letzten Tag.
Ein Bespiel für gelungene Kooperation?
Nehmen Sie die Lebenserwartung: Dass die in den letzten 50 Jahren weltweit stärker angestiegen ist als im gesamten vorherigen Jahrtausend, haben wir vor allem der globalen Zusammenarbeit in der medizinischen Forschung und bei der Verbreitung von Medikamenten zu verdanken. Auch ein künftiger Impfstoff gegen Covid-19 muss als „öffentliches Gut“ allen Menschen zugänglich sein.
9. Sind Sie lieber dafür oder dagegen?
Dafür. Und dagegen nur mit Begründung.
10. Welche politischen Überzeugungen haben Sie über Bord geworfen?
Dass die Soziale Marktwirtschaft die beste aller Welten ist. Sie war und ist erfolgreich darin, die Menschen vor den ungezügelten Kräften des Marktes zu schützen. Das muss endlich auch bei den natürlichen Lebensgrundlagen gelingen. Wir müssen das Modell also zu einer sozialen und ökologischen Marktwirtschaft weiterentwickeln – und beides großschreiben.
11. Könnten Sie jemanden küssen, der aus Ihrer Sicht falsch wählt?
Ich küsse nur eine, und die wählt immer richtig, soweit ich weiß.
12. Haben Sie mal einen Freund oder eine Freundin wegen Politik verloren?
Nein.
13. Welches Gesetz haben Sie mal gebrochen?
Ich bin als Zehnjähriger mit meinen Eltern illegal aus der DDR ausgereist. Meine erste Zigarette habe ich auch geraucht, bevor ich das durfte. Ansonsten halte ich mich insgesamt für einen gesetzestreuen Staatsbürger.
14. Waren Sie in Ihrer Schulzeit beliebt oder unbeliebt, und was haben Sie daraus politisch gelernt?
Als ich durch die Fürsprache meines ersten Lehrers im Westen, Herrn Balle, 1954 in Ludwigsburg aufs Gymnasium kam, musste ich in der ersten Schulstunde meinen polnischen Geburtsort an die Wandtafel schreiben. Das war ein kleiner Schock, weil mir zuvor niemand gezeigt hatte, wie man „Skierbieszów“ eigentlich schreibt. Meine eigene Schreiberfindung löste Gelächter aus. Als ich an meinen Platz zurückkam, empfing mich mein Nachbar mit der Frage: „Ist Deine Mutter eine Polackin?“ Meine Antwort war eine schallende Ohrfeige, die der Lehrer zum Glück nicht sanktionierte. Die meisten meiner Mitschüler und leider auch der Lehrer wussten damals wenig über das Leben von Flüchtlingskindern. Ich lernte, mir Respekt zu verschaffen und Verantwortung für mein Leben zu übernehmen – und wie schwer es ist, sich als Flüchtling in einer neuen Umgebung zurechtzufinden.
15. Welche politische Ansicht Ihrer Eltern war Ihnen als Kind peinlich?
Meine Eltern, die ja erst vor der Roten Armee und dann aus der DDR geflohen waren, misstrauten der Ostpolitik von Willy Brandt. Das hielt mich nicht davon ab, genau wegen dieser Politik 1969 die SPD zu wählen.
16. Nennen Sie eine gute Beleidigung für einen bestimmten politischen Gegner?
Beleidigungen sind für mich kein Mittel der politischen Auseinandersetzung. Wobei ein gepflegtes schwäbisches “Seggl” eigentlich immer geht.
17. Welche Politikerin, welcher Politiker hat Ihnen zuletzt leidgetan?
António Guterres als Generalsekretär der UN. Die Welt steht mit Covid-19, Armutsentwicklung und Klimawandel vor Menschheitsumbrüchen. Guterres versucht, dem internationale Zusammenarbeit und Solidarität entgegenzustellen. Doch ein ums andere Mal wird er ausgerechnet vom Präsidenten jener Nation düpiert, die die UN nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges ins Leben gerufen hat, den USA. Und Guterres erfährt als Europäer keine wirksame Unterstützung durch ein einiges Europa.
18. Welche Politikerin, welcher Politiker müsste Sie um Verzeihung bitten?
Niemand. Es gab welche, die es taten; davor habe ich Respekt.
19. Welche Politikerin, welcher Politiker sollte mehr zu sagen haben?
Wir haben quer durch die Parteien Talente in unserer Gesellschaft. Ich glaube, dass wir im 21. Jahrhundert vor allem Menschen in der Politik brauchen, die kooperations- und empathiefähig sind.
20. Welche politische Phrase möchten Sie verbieten?
„Partnerschaft mit Afrika auf Augenhöhe“ – weil das angesichts der enormen politischen Asymmetrien oft nur auf Heuchelei hinausläuft.
21. Ist der Staat ein Mann oder eine Frau?
Es täte ihm gut, wenn er weiblicher würde – Begründung siehe Frage 19!
22. Finden Sie es richtig, politische Entscheidungen zu treffen, auch wenn Sie wissen, dass die Mehrheit der Bürger dagegen ist?
Ja, weil auch die Demokratie Führung braucht. Basisdemokratie ist kein Königsweg, weder zur Lösung komplexer Sachprobleme noch zu unbequemen, aber nötigen grundsätzlichen politischen Weichenstellungen. Zugleich ist es wichtig und meist gewinnbringend, das Wissen der Bürgerinnen und Bürger, ihr Engagement und ihre Vernunftbegabung zu schätzen und sie ernsthaft an Entscheidungen zu beteiligen.
23. Was fehlt unserer Gesellschaft?
Ein ausreichendes Bewusstsein, wie sehr wir mit dem Rest der Welt verknüpft sind, eine tiefer gehende Nachdenklichkeit über unsere Lebensweise.
24. Welches grundsätzliche Problem kann Politik nie lösen?
Die Zukunft ist nicht vorhersehbar.
25. Sind Sie Teil eines politischen Problems?
Ja, wegen meines ökologischen Fußabdrucks.
26. Nennen Sie ein politisches Buch, das man gelesen haben muss?
Martha Nussbaums Buch Gerechtigkeit oder Das gute Leben – als andere Stimme aus den USA. Und weil sie Antworten auf wesentliche Fragen gibt: Was schulden wir einander in all unserer Unterschiedlichkeit? Und was schulden wir unseren Mitgeschöpfen?
27. Bitte auf einer Skala von eins bis zehn: Wie verrückt ist die Welt gerade? Und wie verrückt sind Sie?
Acht für die Welt, zwei für mich.
28. Der beste politische Witz?
Ein Muslim, ein Jude, ein Christ und ein Atheist gehen in eine Bar. Sie reden, lachen, trinken Kaffee und werden Freunde. Ist kein Witz, sondern was passiert, wenn Du kein bledr Seggl bist.
29. Was sagt Ihnen dieses Bild (das Corona Virus)?
Es führt uns vor Augen, wie verletzlich wir sind, wie eng unsere Schicksale über den ganzen Planeten hinweg verbunden sind und wie sehr wir auf Kooperation angewiesen sind, um uns zu schützen.
30. Wovor haben Sie Angst – außer dem Tod?
Ich habe die Sorge, dass der Verrücktheitsgrad der Welt noch zunehmen könnte, durch politische Inkompetenz und Egoismus, durch Lügen als Mittel der Politik und die Ausbreitung von Verschwörungstheorien im Netz. Genau das Gegenteil ist nötig: ernsthafte, solidarische Politik für eine große ökologische, ökonomische und soziale Transformation. Die Leitplanken dafür existieren: die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung der VN und der Pariser Klimavertrag.
31. Was macht Ihnen Hoffnung?
Das jetzt kraftvolle Handeln von Bundeskanzlerin Merkel und Präsident Macron zur Wiederbelebung der europäischen Wirtschaft. Generell sehe ich in der Vernunftbegabung des Homo sapiens Hoffnung. Immer mehr Unternehmen machen sich auf den Weg in eine kohlenstoffarme Wirtschaft. Die Wissenschaft forscht nicht nur an einer klimaneutralen Zukunft, sondern bringt auch Debatten voran, etwa mit „Scientists for Future“. Mit „Fridays for Future“ zeigt die Jugend, dass sie um ihre Zukunft kämpfen will. Und weltweit treiben Menschen die Große Transformation schon im Kleinen voran. Außerdem macht mir Hoffnung, wenn ich meine Enkelinnen lachen höre.