Ludwigsburg und die große Frage der Zukunft

Stadtgründungsfeier anlässlich des Jubiläums „300 Jahre Stadt werden“
Ludwigsburg, 4. Mai 2018



I.

Es tut gut, heimzukommen.

Ludwigsburg ist die Stadt, die mir zum ersten Mal eine Ahnung von Heimat gab, als die Flüchtlingsfamilie Köhler nach Jahren des Lagerlebens hier eine Sozialwohnung bekam. Es ist die Stadt, die mir zum ersten Mal eine Ahnung von einem neuen Europa gab, als ich als 19-jähriger hier vor dem Schloss dem französischen Präsidenten de Gaulle zujubelte. Und es ist die Stadt, die mir mehr als nur eine Ahnung von Liebe gab, als ich mich nach einem Kinobesuch unter den Regenschirm einer bildhübschen Schwäbin flüchtete, die Eva Luise hieß.

Ludwigsburg hat mir Wurzeln gegeben, die mich bis heute erden, nähren und tragen, und dafür bin ich dieser Stadt und seinen Menschen unbeschreiblich dankbar. Und deshalb sind meine Frau und ich sehr gerne gekommen, um dieser unserer Stadt zu gratulieren zu ihrem 300. Geburtstag.

Ich weiß nicht, wer auf die geniale Idee gekommen ist, diese Feier unter das Motto zu stellen „300 Jahre Stadt werden“, es könnte jedenfalls treffender nicht sein. Lebenswerte Städte sind nicht, sie werden. Lebensqualität ist nicht einfach da, um ein für alle Mal zu bleiben, sondern sie muss ständig neu durchdacht, neu definiert und neu erarbeitet werden. Und so feiern wir heute Ludwigsburg auch dafür, dass es sich stets gewandelt hat, sein Glück immer eher im „werden“ gesucht hat als im „sein“.

Als Garnisonsstadt war Ludwigsburg Teil einer Politik und Ökonomie des Krieges. Heute ist die Stadt Teil einer europäischen Politik und Ökonomie des Friedens. Und in den Kasernen, in denen einst Soldaten und Flüchtlinge lebendige Zeugen der Auswirkungen verirrter deutscher Vergangenheit waren, da studieren z.B. heute Filmemacher an einer mittlerweile weltbekannten Hochschule und zeugen von einer kreativen, bunten Zukunft.

Ludwigsburg wollte zu Recht immer mehr sein als nur der Spiegel der jeweiligen Zeit. Es will Motor sein, Gestalter sein der Gegenwart und der Zukunft. Und es scheut dabei auch vor den großen Fragen nicht zurück.

II.

Die große Frage der Zukunft, meine Damen und Herren, sie liegt auf der Hand, wenn wir uns einmal die Welt als Ganze ansehen. Die Weltbevölkerung wird von derzeit über sieben Milliarden Menschen bis 2050 auf etwa neuneinhalb Milliarden wachsen. Allein auf unserem Nachbarkontinent Afrika werden dann über zweieinhalb Milliarden Menschen leben – doppelt so viel wie heute, und damit doppelt so viele, die Ausbildung, Arbeit, Perspektiven brauchen. Aber schon heute sterben zehntausende Kinder unter 5 Jahren täglich (täglich!), die allermeisten an vermeidbaren Krankheiten; schon heute haben hunderte Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser. Wie sollen da 10 Milliarden Menschen versorgt werden, so, dass alle ein Leben in Würde führen können, wenn wir das heute schon nicht schaffen?

Eine Antwort ist eindeutig: die armen Länder brauchen starkes Wirtschaftswachstum, sodass dort mehr Straßen, Schulen, Krankenhäuser, Kraftwerke gebaut werden, sodass modernes Wirtschaften und Wertschöpfung und damit Arbeitsplätze entstehen.

Diese Antwort hat aber einen Haken.

Denn das Wirtschaftsmodell bei uns, in den reichen Ländern des globalen Nordens, das uns ein historisch nie da gewesenes Maß an Wohlstand beschert hat, geht zurzeit damit einher, dass es sich mehr nimmt, als ihm zusteht. 20 Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen 80 Prozent der Ressourcen. Vorgestern, am 2. Mai, war laut „Global Footprint Network“ der Tag, an dem Deutschland seine Ressourcen für das Jahr 2018 aufgebraucht hat – seit gestern leben wir für den Rest des Jahres auf Kosten der zukünftigen Generationen. Das heißt auch: wenn alle Menschen so konsumieren und produzieren würden wie wir in den Industrieländern, dann bräuchten wir mehrere Planeten in Reserve. Der Klimawandel ist deutlichster Ausdruck dafür. Die bittere Wahrheit ist, dass wir unseren Wohlstand auf Pump aufgebaut haben – und das eben nicht nur in ökonomischer, sondern auch in ökologischer Sicht. Und der Kredit, den wir aufgenommen haben, er läuft so langsam aus.

Die Alternative ist eine große Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft – eine Transformation, die der gegenseitigen Abhängigkeit allen Geschehens auf der Erde Rechnung trägt. Ihr Ziel: allen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen, ohne den Planeten dabei zu zerstören.

Im Jahr 2015 hat die internationale Staatengemeinschaft zwei große Beschlüsse gefasst, die den Rahmen für eine solche Transformation beschreiben: die 2030 Agenda für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen und das Klimaabkommen von Paris. Beide Beschlüsse benennen Veränderungsbedarf in den Industrieländern wie in den Entwicklungsländern. Also auch bei uns. Dazu gehört zwingend, dass wir unsere Wirtschaft von der Abhängigkeit von fossilen Ressourcen, vor allem vom Öl, lösen, und viel weniger Treibhausgase ausstoßen. Wir müssen die vorhandenen Ressourcen viel effizienter einsetzen. Unsere Produktions- und Konsummuster müssen sich ändern, wie wir Energie produzieren, wie wir unser Land bewirtschaften, uns ernähren, uns fortbewegen. Das alles zu schaffen braucht auch mehr – und nicht weniger – internationale Zusammenarbeit.

Die Große Transformation, das ist die Menschheitsaufgabe des 21. Jahrhundert, und von ihrem Gelingen wird abhängen, ob unsere Enkelkinder eine gute Zukunft haben werden.

III.

Meine Damen und Herren,

„Menschheitsaufgabe“, passt so ein Wort zu einem Stadtjubiläum? Geht’s nicht auch ne Nummer kleiner, Herr Köhler?

Wir Menschen haben die natürliche und verständliche Tendenz zu glauben, je größer und komplexer ein Problem ist, desto weniger betrifft es uns direkt. Klimawandel, globale Ungleichheit, die Bevölkerungsentwicklung Afrikas, die Zukunft Europas, das sind Dinge, die können manchmal wirken, als seien sie weit weg – weit weg auch von Ludwigsburg. Die große Politik findet woanders statt – die Bundeskanzlerin ist für den Weltfrieden zuständig, und der Bürgermeister für die Müllabfuhr. Aber ist das wirklich so? Nein, es gibt keinen spezifischen Ort, wo sich die Entwicklung der Welt abspielt, und keinen, an der sie nur vorüberzieht. Die Welt, das ist auch Ludwigsburg. In den letzten Jahren hat das insbesondere die Flüchtlingskrise eindrücklich gezeigt. Und das bedeutet: Je größer die Herausforderung, vor der die Gesellschaft steht, desto wichtiger, dass alle Teil der Lösung sind.

Die Große Transformation wird jedenfalls nicht als Elitenprogramm funktionieren. Natürlich muss es große und wichtige Veränderungen auf politischer, systematischer Ebene geben. Aber gleichzeitig kann die Transformation nur dann gelingen, wenn es auch ganz viele kleine Transformationen gibt, Veränderungen von unten, in den Familien, Vereinen, Kirchengemeinden, Dörfern und Städten, die sich in der langen Frist zu einer großen Gesamtveränderung zusammenfügen. Jeder muss also etwas beitragen – und das schöne ist, das es wirklich auch jeder kann. Ob als mittelständischer Unternehmer, als Eltern, als Ehrenämtler, als Lokalpolitiker, als Schülerin, als Rentner – überall sind wir gefragt, verantwortlich zu leben, also Antwort zu geben auf die großen Herausforderungen unserer Zeit. Der Philosoph Hans Jonas hat schon 1979 dafür ein Prinzip formuliert: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“. Wie füllen wir das Prinzip Verantwortung heute mit Leben?

Die Städte können dabei eine ganz besondere Rolle einnehmen, sie können Labore der Veränderungen sein, können ausprobieren, vorangehen, im Kleinen lernen, wo die große Politik zu träge ist. Vor allem Städte können eine neue Balance finden zwischen dem Ökologischen und dem Sozialen, zwischen dem Globalen und dem Lokalen, weil sie beweglicher sind als nationale und internationale Politik, weil sie näher dran sind am Bürger und seinen Ideen, seinen Bedürfnissen, weil sie auch auf Widersprüche und Zielkonflikte agiler und klüger reagieren können.

IV.

Für manche, meine Damen und Herren, mag die von mir beschriebene Große Transformation wie eine naive Utopie klingen, oder, je nach Perspektive, wie ein bedrohliches Verzichtsszenario. Aber mir macht Hoffnung, erstens, dass ich immer mehr Menschen begegne, die mir sagen: „Ich gewinne Lebensqualität, wenn ich aus dieser globalen und lokalen Mitverantwortung Konsequenzen auch für meine eigene Lebensweise ziehe“! Die Große Transformation ist eine Chance, neu zu entdecken: „Was bringt Sinn und Wohlbefinden ins Leben?“, anstatt immer krampfhafter nur zu fragen „Was bringt Wirtschaftswachstum?“. Wer von Haben auf Sein umschaltet, von Alleinbesitzen auf Mitbenutzen, von Zweitwagen auf Erstfahrrad, der erlebt die Veränderung oft als Entlastung, als Befreiung, als Gewinn von Muße statt als Einbuße, als inneres Wachstum, das vielleicht nicht das Bruttosozialprodukt steigert, aber ganz gewiss das Bruttowohlfühlprodukt.

Und mir macht zweitens Hoffnung, dass es Beispiele gibt wie die Stadt Ludwigsburg, die ihre Verantwortung für das große Ganze mit viel Engagement und Kreativität ernst nimmt. Ich erinnere mich an das Jahr 2014, als ich in Düsseldorf mit dem Ehrenpreis des Deutschen Nachhaltigkeitspreises ausgezeichnet wurde. Was ich nicht wissen konnte: In derselben Veranstaltung hat dann auch Ludwigsburg den Nachhaltigkeitspreis in der Städte-Kategorie bekommen. Da war ich natürlich ziemlich stolz und hab‘ bei der anschließenden Party allen Leuten erzählt, dass ich Ludwigsburger bin, in der Hoffnung, ein wenig des Siegesglanzes der Stadt würde auch auf mich abfallen. Im Gegensatz zu meinem Ehrenpreis mussten die Ludwigsburger ja richtig was dafür tun, um ihren Preis zu gewinnen!

Das, was hier in Ludwigsburg für die Nachhaltigkeit getan wird, das muss ich Ihnen kaum ausbuchstabieren. Alle, denen am Wohl der Stadt liegt, sind kontinuierlich im Gespräch. Stadtentwicklung wird gesamthaft verstanden. Die Verwaltung hat sich im Zeichen der Nachhaltigkeit und der Transformation zur grünen „smart city“ auf neue Weise organisiert, und selbst ein so preußisch anmutendes Wort wie „Dienstanweisung“ gewinnt einen ganz neuen Klang in der Überschrift „Dienstanweisung der Stadt Ludwigsburg zur Nachhaltigen Beschaffung“. Innovationsnetzwerke wie das Living Lab sind wegweisend weit über Ludwigsburg hinaus, und Erfolge wie die Renaturierung der Neckarwiesen laden nicht allein die Ludwigsburger zum Verweilen ein – und zum Nachdenken darüber, wie viel sich mit Umsicht und Tatkraft für Mensch und Umwelt erreichen lässt. Und mit seinen internationalen Partnerschaften, ob nach Frankreich oder Burkina Faso, macht Ludwigsburg deutlich, dass es sich nicht verkriecht, sondern als aktiven Teil unserer einen Welt versteht.

Das alles fügt sich glänzend ein in den weltweiten Rahmen, den die Agenda 2030 setzt. Ludwigsburg ist darum eine menschenfreundliche und eine menschheitsfreundliche Stadt; eine richtige Stadt, die sehr viel richtig macht. Ludwigsburg macht mir Mut.

300 Jahre Lust auf Veränderung – herzlichen Glückwunsch, Ludwigsburg!